Artikel publiziert am: 13.10.10
Quelle: http://www.die-mark-online.de/sport/regionalsport/ostprignitz-ruppin/hobis-ueber-grossen-teich-959892.html

Mit Hobis übern großen Teich

Lexington/Radensleben (begall) – Normalerweise frisst Hobis seinen Hafer im heimatlichen Pferdestall von Radensleben. In diesen Tagen genießt der dunkelbraune Wallach sein Futter jedoch in Lexington (US-Bundesstaat Kentucky).

© Begall, Hobis aus Radensleben ist derzeit in Kentucky.

Mit seiner Reiterin Sabrina Laubscher aus der Schweiz kämpft er bei den Weltreiterspielen in der Para-Dressur um Medaillen. Betreut wird das Paar von Gundula Lüdtke aus Radensleben, die Hobis seit 17 Jahren besitzt.

Die Para-Dressur ist als achte Disziplin erstmals bei den Weltreiterspielen dabei. Wie bei den Paralympics reiten die Reiter mit Handicap in fünf verschiedenen Graden, je nach Einstufung der Behinderung. Sabrina Laubscher hat einst den Beruf des Pferdewirtes erlernt. Seit einem Arbeitsunfall, ein 100 Kilogramm schwerer Strohballen fiel ihr auf den Kopf, ist die Schweizerin aus Nennighofen querschnittsgelähmt. Doch den Pferdesport möchte die 21-Jährige nicht missen. „Das Reiten gibt mir praktisch das alte Leben zurück“, sagt sie. Vor einem halben Jahr hat sie nach dem Unfall erst wieder angefangen. Drei Pferde wurden in Radensleben ausprobiert, Hobis war schließlich das richtige.

Seit 2005 betreut Gundula Lüdtke die Schweizer Handicap-Reiter. „Auf einem Turnier in Belgien hat mich der damalige deutsche Bundestrainer Franz-Martin Stankus gefragt, ob ich diese Nation betreuen möchte“, erzählt die ehemalige Projektleiterin für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Und sie hat zugesagt. Zwei- bis dreimal im Jahr kommen die Schweizer jetzt mit bis zu fünf behinderten Reitern zu je zwei Wochen zum Training ins Ruppiner Land. Und Hobis ist der Star bei den Gästen. Radensleben, Sitz der Rolli-Reitschule, ist außerdem Landesleistungstützpunkt der Behinderten-Pferdesportler von Berlin-Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

„Ausgebildet habe ich Hobis, den mein Mann einst auf der Insel Rügen als junges, fast verhungertes Pferd aus einem Touristikstall kaufte, für meinen behinderten Vater Manfred Neumann“, erzählt Gundula Lüdtke. Bis zum Alter von 79 Jahren ritt er den Wallach. Als Schulpferd hat Hobis außerdem etwa zehn Kinder und Jugendliche, die später in den Landeskader berufen wurden, das Reiter-Abc beigebracht. Inzwischen haben elf Handicap-Reiter auf dem Braunen sechs Medaillen bei Deutschen Meisterschaften gewonnen. Die Neustädterin Patricia Falk holte zweimal den nationalen Titel.

Hobis, geboren vor 21 Jahren in einem lettischen Gestüt, hat schon die Welt gesehen. Mit Gundula Lüdtke hat er problemlos den Distanzritt von Berlin nach Paris bewältigt. Auf Turnieren in Dänemark, Frankreich und Bochum hat er sich in diesem Jahr mit Sabrina Laubscher für die Weltmeisterschaften qualifiziert. Nach einem sechswöchigen Training in der Schweiz bestieg der Wallach Ende September erstmals einen Jumbojet und flog über den großen Teich. Jetzt hat er eine Box im Kentucky Horse Park bezogen.

Sabrina Laubscher ist im Grad Ib eingestuft. Sie reitet eine Prüfung, die für ihren Behinderungsgrad nur Schritt- und Trab-Lektionen vorsieht. Auf dem Vorbereitungsplatz vor dem ersten Wettkampf beruhigt Gundula Lüdke die Reiterin und gibt ein paar Anweisungen. Hobis streckt noch die Zunge heraus. „In der Prüfung weiß er aber, dass er das nicht machen darf“, sagt die Trainerin. Und wirklich, im Viereck ist der Wallach ganz brav. Sabrina unterstützt Hobis mit zwei Gerten zum Vorwärtstreiben, die besonders bei der Trabverstärkung eingesetzt werden. Durch ihre Behinderung kann sie mit den Beinen das Pferd nicht fühlen. Der Vierbeiner reagiert auf die Hilfen. Am Ende bekommt das Paar 64,87 Prozentpunkte. Der Sieger Lee Pearson aus Großbritannien hat 76,435. Die Schweizerin rangiert auf Platz neun. Zu den besten Zehn der Welt wollte sie gehören. Es ist gelungen. Immerhin war die Konkurrenz aus Japan, Südafrika, Australien, Amerika und Europa ebenso gut vorbereitet.

Zwei Tage später steht die Kür auf dem Programm. Sabrina ist etwas nervös, bringt den Ablauf ihrer Aufgabe durcheinander. 62 Prozentpunkte bedeuten diesmal nur Platz 14. Doch am Ende zählt nicht nur das Ergebnis. „Wichtig ist es vor allem, mit allen anderen Weltklasse-Reitern an einem Ort zusammenzukommen“, sagt die Handicap-Reiterin. „Das Pferd gibt mir die Freiheit“, ergänzt die lebensfrohe Schweizerin und fühlt sich im Sport integriert.